Mein erstes Mal Yoga

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Das Leben kann ein Abenteuer sein, zumindest wenn wir uns nicht immer nur im Kreis drehen und Tag für Tag das Gleiche machen. Nicht nur für den Kreislauf ist es gut, mal ins kalte Wasser und – wenn wir es so weit schaffen – über den eigenen Schatten zu springen und mal etwas probieren, das wir noch nie gewagt haben. Vermutlich dachte ich mir das oder etwas ähnliches, als ich Anfang letzter Woche aus heiterem Himmel auf die Idee kam, zum ersten Mal in meinem Leben zum Yoga zu gehen.

Ich bin nicht jemand, der Yoga sofort in die spirituelle Ecke stellt oder als „Mädchensport“ abstempelt – letzteres fand ich auch schon vor dem neuen Aufleben des Feminismus ausgemachten Unsinn. Yoga hatte für mich immer den Anschein von Verknotung, unmöglich zu schaffende Figuren um dem Stress des Alltags zu entfliehen – bloß nicht das Atmen vergessen! Ich wollte es einfach probieren um hinterher sagen zu können, dass es eben nichts für mich sei – oder eben von nun an zu meinem Workout dazugehört wie mein obligatorischer letzter Klimmzug vor dem Exitus. Warum ich ein Fan davon bin, Sachen auszuprobieren? Ich glaube fest daran, dass wir unser Leben zwar nicht verlängern können, aber unserer Zeit mehr Tiefe geben können – und das bedeutet: raus aus der Komfortzone und zwar zack zack und etwas Neues erleben, den täglich grüßt dich nur das Murmeltier – und das gelangweilt mit dem immer gleichen Winken.

 

Mag sein, dass die Frauenquote eine Rolle gespielt hat


Also ging ich völlig uninformiert zu dem Yoga-Gruppenkurs meines Fitnessstudios, mit der vagen Ahnung, es so richtig vergeigen zu können. Gerne gebe ich zu, dass die Aussicht auf eine relativ große Frauenquote meine Entscheidung beeinflußt haben könnte, zum Yoga statt zum Body-Pump zu gehen – aber das ist eine andere Geschichte und soll ein ander Mal erzählt werden. Als ich vor dem Kursraum ankam, standen sie schon da, die meiner Meinung nach Eingeweihten, flexibel bis über beide Ohren und sahen mir – so dachte ich etwas klamm – schon auf 10 Meter Entfernung an, dass ich von Yoga und Shanti keine Ahnung habe. So vergingen fünf Minuten unangenehmes Anschweigen, bis wir den Raum betreten durften.

Ich begann gleich klassisch und wählte gleich mal die falsche Matte und legte sie auch noch falsch aus – wie mir von der netten Dame links von mir erklärt wurde – dankbar wechselte ich die Unterlage und verglich das mulmige Gefühl mit dem Moment im Behandlungszimmer, bevor der Zahnarzt einmarschiert um mir auf den Nerv zu bohren. Auf Nachfrage der Yoga-Lehrerin war ich natürlich der einzige im Raum, der noch NIE Yoga gemacht hatte – dem schadenfrohen Lächeln meiner Mitstreiter entnahm ich, dass ich wohl meinen Spaß haben würde.

 

 

Die Figuren begannen, meine Knochen auseinander zu ziehen


Wir begannen äußerst angenehm auf dem Rücken liegend und tief atmend – so weit so gut, das kriegte ich ganz ausgezeichnet hin – das nächste Mal, wenn ich nicht aus dem Bett kommen würde, würde ich es auch Yoga nennen. Doch schon wurde in den nächsten Gang geschaltet und die Figuren begannen, meine Knochen auseinander zu ziehen. Ich war dennoch überrascht, wie gut es mir gelang und auch wenn ich nicht wirklich meine Knie seitlich auf die Matte ablegen konnte, war ich versöhnt, als ich bemerkte, dass auch die anderen nicht so flexibel wie die Lehrerin waren.

Und so fing es an, richtig Spaß zu machen – na gut – ich streckte mein Bein nicht richtig durch, weil mir aus irgendeinem Grund mein Körper nicht zu gehorchen schien – aber sogar die „Krähe“ gelang mir – eine Art Handstütz bei dem man nur auf den Händen stehend die Oberschenkel an die Ellenbogen ablegt. Es folgte mein kleiner Triumph, aus genau dieser Übung heraus sollten die wirklichen Könner einen Kopfstand machen und siehe da: ich versuchte es einfach, denn mehr als auf den Rücken fallen und meine Vorderfrau erschlagen konnte ich ja nicht und ich stand – in meiner ersten Yogastunde – im Kopfstand und war darüber so überrascht, dass ich einen quiekenden Laut des Vergnügens von mir gab, sehr zum Unmut meiner vorher so hilfsbereiten Mitstreiterin auf der Linken, die mir nicht gönnte, als Anfänger diese Figur zu bewältigen. Auch wenn der Abstieg aus dem Kopfstand weniger elegant glückte und mein Kopf so rot war, als wäre ich zehn Minuten lang Zentrifugalkräften ausgesetzt gewesen: ich war mächtig stolz und registrierte positiv überrascht, dass schon eine Stunde vergangen war.

So erlebte ich „Krieger“ und den „Hinabschauenden Hund“ und einige andere, weniger aussprechliche Figuren und konnte so viele neue Erfahrungen an diesem Freitagabend mitnehmen – was hätte ich denn sonst gemacht? Netflix und Instagram? Oder ein Bierchen in Ehren? Dieses Kontrastprogramm gibt mir wieder mal Recht – ich hab mein Leben ein bisschen bereichert und auch wenn ich nicht weiß, ob ich nächste Woche wieder „den Sprinter“ oder das „Happy Baby“ mache – so kann ich mitreden, wenn bei meinem nächsten Fotoshooting bei der Nachfrage die Rede auf Yoga kommt. „Ja, klar – da hat bei mir auch das Becken etwas ungesund geknackt!“

Also: wann hast du denn zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Bist du über deinen Schatten gesprungen? Bringst du ständig Neues in dein Leben? Falls ja, verstehst du ja, wie gut es tut – falls nein: es ist nie zu spät für unzählige erste Male – Sportarten, Sprachen, VHS-Kurse oder kreative Krawattenknoten. Trau dich und hab den Mut, erst etwas für dich abzulehnen, nachdem du es ausprobiert hast. Diesen Beitrag schrieb ich direkt nach der Yogastunde in großer Vorfreude auf den Muskelkater meines Lebens! Namaste!


photo credits: marek&beier

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ist Fotograf und Mental Coach in Einem. Mit seinem Wissen und Feingefühl bringt er jeden Menschen auf Fotos zum Strahlen. Egal ob er Gedichte schreibt, Vorträge hält oder eigene Songs textet er lässt sich dabei von der Liebe antreiben. Was er anpackt hat Herz.

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